Eröffnungsredebeitrag, gehalten am 13. Mai 1999 in Bielefeld um 8.00 Uhr morgens anläßlich des Versuchs, die Seidenstickerhalle zu besetzen und den Kriegsparteitag der Grünen zu verhindern.

Wir stehen hier, weil wir den Grünen Kriegsparteitag verhindern und an seine Stelle eine Antikriegsversammlung setzen wollen.

Wir stehen hier, um die Entscheidung darüber, welche Fragen in diesem Krieg gestellt und welche verhindert werden, selbst in die Hand zu nehmen. Wir stehen hier, um dafür zu sorgen, daß Positionen formuliert werden können, die von den rotgrünen KriegerInnen und einem Großteil der Medien unterdrückt und diffamiert wurden, wo immer sie sich artikulierten. Wir stehen hier, um einige wichtige, in der medialen Vedunkelung dieses Krieges bislang unsichtbare Bilder hervorzuholen und sie sozusagen im Wiederschein des Bombenfeueres über Jugoslawien ins rechte Licht zu rücken. Und wir stehen hier, vor diesem Grünen Kriegsparteitag, um dafür zu sorgen, daß einige ebenso zynische wie verbrecherische Fragen nicht mehr weiter gestellt werden. Allen voran die Frage nach dem Für- und Wider eines Nato-Angriffskrieges. Wir stehen hier, weil wir die pseudo-demokratische Debatte über das Pro- und Contra eines Krieges, der vor Monaten beschlossen und vorbereitet und seit Wochen von der rotgrünen Bundesregierung mit geführt wird, verhindern wollen. Es gibt keinerlei Legitimation dafür, über Vor- und Nachteile des dritten Angriffskrieges gegen Serbien/Jugoslawien in diesem Jahrhundert zu debattieren. Die einzig richtige Antwort auf diesen Krieg ist NEIN!

Wir stehen hier mit einer maßlosen Wut angesichts der Übermächtigkeit der kriegerischen Verhältnisse, in denen wir leben und in denen zahllose Menschen in ganz Jugoslawien derzeit sterben. Die bislang über 50 Kriegstage der Nato gegen die BR Jugoslawien sind nicht einzigster, aber aktuellster Ausdruck dieser Verhältnisse. Wir wissen, wie leicht es der mehr oder minder subtilen Macht der Medien fällt, durch falsch gestellte Fragen, selektive Berichterstattung, die Auswahl bestimmter Bilder und das Zurückhalten anderer, Krieg mit zu betreiben und eine Realität zu konstruieren, die dann letztlich als Anlaß zum Handeln genommen werden kann. Und so wissen wir weder, was in Jugoslawien, in Serbien wie im Kosovo genau geschieht, noch können wir voraussagen, was von unserer Aktion hier medial vermittelt zur sogenannten Wahrheit werden wird.

Denn dieser Krieg ist auch ein Krieg der Bilder. Bilder, die unter die Haut gehen sollen und das auch tun, zeigen das Elend der von serbischer Armee und Milizen vertriebenen oder vor den Natobomben geflüchteten kosovo-albanischen Bevölkerung in Flüchtlingslagern. Es sind Bilder von Hilflosen, zu Tode Erschöpften, von Weinenden, von eindeutigen Opfern, die seit nunmehr bald zwei Monaten über die Fernsehschirme irren und uns aus den Tageszeitungen entgegen schauen. Diese Art von Bildern macht es der internationalen Mediengemeinschaft leicht, diese Flüchtlinge zu mögen, denn sie wirken nicht bedrohlich. Was wäre, wenn diese Menschen an der bayerischen Grenze stehen würden?

Die zweckreichen Bilder aus den Flüchtlingslagern sollen weiter dazu dienen, KriegsgegnerInnen, die den Interessen der kriegsführenden Parteien, wie hier den Grünen und sei es auch nur vor einer Halle, im Wege stehen, als "antihumanitär", als "Wegbereiter des Faschismus" zu diffamieren. Die Bilder dienen den kriegsführenden Natostaaten als endlos verlängerbares Argument dafür, Jugoslawien immer tiefer in eine Finsternis hinein zu bomben, die sich hier niemand auch nur annähernd ausmalen kann, denn es gibt davon - ähnlich, wie vom Irak während und nach dem zweiten Golfkrieg - keine Bilder. Es gab keine auch nur annähernd so eingängigen Bilder der Kosovo-Flüchtlinge des Sommers 1998, die damals zu hunderttausenden auf der Flucht waren. Es gibt keine entsprechenden Bilder aus Kurdistan, dem Sudan, aus Osttimor. Ist das nicht seltsam? Auch gab und gibt es, um in Jugoslawien zu bleiben, keine Bilder von durch die UCK mit den Waffen der westlichen Rüstungskonzerne ermordeten serbischen KosovarInnen. Es gibt keine Bilder frierender und weinender Kinder aus den Luftschutzkellern von Belgrad. Es gibt keine Bilder verzweifelter SerbInnen, die vor der Zerstörung flüchten. Und es wird auch nicht viele Bilder von Jugoslawien nach dem Krieg geben, denn kaum jemand wird Interesse daran haben, sie zu sehen. Es könnten unangenehme Fragen daran geknüpft werden. So könnte die befürchtete Frage der nachfolgenden Generation, die Joschka Fischer gerne selbst und heute schon stellt, und die er der Einfachheit halber auch gleich selber beantwortet dann ganz anders gestellt werden. Sie würde nicht etwa lauten: "Warum habt ihr das nicht verhindert?", sondern "Warum habt ihr das getan?" Auf diese Frage würde es keine ausreichende Antwort geben und also gibt es die Bilder nicht. Und also gibt es die Menschen nicht. Und da es sie nicht gibt, gibt es, anders als zum Schicksal der Flüchtlinge aus dem Kosovo auch keine Frage: "Was kann man denn dagegen tun?"

Wir sind unter anderem hier, um diese Frage dennoch und trotz fehlender Bilder zu stellen und nach Antworten zu suchen.

Denn allerdings, sie stellt sich, diese Frage: Was können wir gegen diesen Krieg tun? Wir können diesen Tag zum Anfang einer starken Antikriegsbewegung werden lassen. Einer Bewegung, die auf vielerlei Weise nicht nur Fragen nach den Natobomben stellt und nicht nur Fragen stellt, solange die Nato bombt. Der Krieg in Jugoslawien ist nach dem Ende der Bombardements lange nicht vorbei. Nach dem Krieg der Militärs folgt der Wirtschaftskrieg. Die Waffen sind die altbekannten Mittel der westlichen Kreditgeber. Die schweren Geschosse von Weltbank und IWF werden dafür sorgen, daß das, was von der BR Jugoslawien dann noch übrig sein wird, nicht mehr auf den Gedanken kommt, Fragen der eigenen nationalen Souveränität auch nur zu bedenken. Wie die dann entstehenden territorialen Gebilde benannt werden, ist dabei nebensächlich. Ein Widerstand gegen militärische wie auch gegen zivile Kriege ist, wie es weltweite Beispiele zeigen, möglich. Die Voraussetzung für die Menschen in Jugoslawien ist dafür zur Zeit das reine physische Überleben und so fordern wir hier als allererstes ein bedingungsloses und sofortiges Ende der Natobombardements auf die BR Jugoslawien.

 
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