Schweigen?

Wir reden, obwohl wir nicht gefragt wurden!

Oder: weshalb wir uns als AntimilitaristInnen gegen diesen Schweigemarsch am Antikriegstag wenden

Der 1. September, der Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf Polen, ist der traditionelle Antikriegstag. 60 Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges und fünf Monate nach der ersten umfassenden Kriegsbeteiligung Deutschlands, schweigen DithmarscherInnen dem Aufruf des DGB und des Kirchenkreises Norderdithmarschens folgend, für "Frieden und Menschenrechte". Der Kommandeur des Heider Luftwaffenausbildungsbataillons schweigt offiziell mit. Diese Schweigedemonstration ist Teil einer mehrwöchigen Kampagne vom Kirchenkreis Norderdithmarschen, Bundeswehr und Kreisverwaltung. Unter dem Motto "Frieden fällt nicht vom Himmel" finden ab dem 1. September Diskussion und Arbeitsgemeinschaften in Schulen und Jugendtreffs statt. Unter anderem soll der ehemalige Bosnienbeauftragte Hans Koschnik am 27.9. im Tivoli in Heide sprechen. Zunächst war ein Camp mit Beteiligung der Bundeswehr auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof in Gudendorf geplant. Nach Protesten wurde es in die Neulandhalle/Dieksanderkoog verlegt. Den Abschluß soll eine Auswertung im Meldorfer Dom am Volkstrauertag bilden.
Die Kampagne dient der Imagepflege der Bundeswehr als angeblicher Friedenskraft, ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung und unterstützt innenpolitisch die Umsetzung der verteidigungspolitischen Richtlinien. Diese 1992 verfassten Richtlinien beinhalten die Aufgabe der "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und den ungehinderten Zugang zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt" und die "Einflußnahme auf die internationalen Institutionen und Prozesse im Sinne unserer Interessen". Entsprechend erfolgte zum einen die Umgestaltung der Bundeswehr in eine über sogenannte Krisenreaktionskräfte verfügende, weltweit einsetzbare Interventionsarmee, zum anderen wurde und wird ideologisch am Rechtfertigungsinstrumentarium für den Einsatz dieser Kriegsmaschinerie gestrickt.

"Sag' mir, wo die Blumen sind",

titulieren die Initiatoren der Demonstration unendlich betroffen und "suchen den Weg zum Frieden, suchen den Weg zur Verwirklichung der Menschenrechte." Nicht zufällig kommt der Aufruf zum Schweigemarsch ohne ein Wort der Kritik an der Politik Deutschlands und der Nato aus - haben Kirchen und DGB den Krieg doch mitgetragen. Vor diesem Hintergrund kann die Suche nach Frieden und Menschenrechten, die schon die Argumente für den Krieg gegen Jugoslawien waren, als Vorbereitung zu einem nächsten Krieg bewertet werden. Damit kann Deutschland auch in zukünftigen "Zwangslagen" - "innerlich zerrissen" - den Krieg als Mittel der Politik wählen

KASTEN/
"Die Normalisierung des militärischen Faktors war zunächst die Politik Helmut Kohls; und sie war überaus erfolgreich. In diesen Krieg wurden wir systematisch hineingeführt. Das war die Strategie des damaligen Verteidigungsministers Rupert Scholz, weitergeführt vom schwachen Gerhard Stoltenberg und von Volker Rühe; 'Step by step'. Die sind immer an die Grenzen der öffentlichen Zumutbarkeit gegangen: humanitärer Einsatz in Kambodscha, Minenräumen im Golf, Awacs-Überwachungsflüge über der Adria, zwischendurch Somalia, Sfor-Einsätze. Und bei allem nie direkte Beteiligung am Kampfgeschehen. Ziel war aber von Anfang an, alle Grenzen Stück für Stück so weit zu verschieben, daß das Militär wieder zu einem Mittel von Politik gemacht werden kann." (Wolfgang R. Vogt, wissenschaftlicher Direktor an der Führungsakademie der Bundeswehr im STERN)/KASTEN

Was der "Weg zur Verwirklichung der Menschenrechte" heißt, was er in der Realität bedeutet und welche verwickelten Interessen dahinter stehen, zeigt der Krieg gegen Jugoslawien: Vor fünf Monaten begann der Angriffskrieg gegen Jugoslawien - einhergehend mit dem Entschluß, diesen Schritt unter allen Umständen zu legitimieren und gegen jegliche Widerstände und Bedenken durchzusetzen. Wochenlang lief die NATO-Kriegsmaschinerie, wurden die schon vor einem Jahr in den Kommandozentralen definierten Ziele - Krankenhäuser, Brücken, Eisenbahnen, Chemiefabriken und Raffinerien - durchbombardiert. Die Folgen des dritten Angriffskrieges in diesem Jahrhundert gegen Jugoslawien, beziehungsweise Serbien, sind der Tod von unzähligen ZivilistInnen, die wirtschaftliche und kulturelle Zerstörung des Landes, die Vertreibung der Serben, Sinti und Roma aus dem Kosovo.
Der Krieg auf dem Balkan ist Teil einer Geschichte der Neuordnung Osteuropas nach der Auflösung der Sowjetunion mit dem Ziel, den Macht- und Einflußbereich der NATO-Staaten bis nach Asien auszudehnen. Die verheerenden sozialen Folgen tragen die Menschen der neuentstandenen Staaten.
In der Darstellung der "humanitären Katastophe" verschwindet die Geschichte der politischen und ökonomischen Strategien und Zusammenhänge. Die BRD war federführend an der Zerschlagung und ethnischen Neugliederung Jugoslawiens beteiligt. Kosovo-AlbanerInnen, die vor dem Krieg "Kriminelle" oder "Drogendealer" hießen wurden während des Krieges in "Opfer ethnischer Säuberungen" umbenannt. Die Grenzen blieben für den Großteil der vielbedauerten Flüchtlinge dicht, deren mitleiderregende Bilder in den Lagern zudem benötigt wurden, um täglich neu die Legitimation für den imperialistischen Krieg zu konstruieren.
Humanismus ist die zentrale Rechtfertigungsideologie zur Durchsetzung einer neuen Weltordnung. Großraummachtpolitisch motivierte Interessen Deutscher Außenpolitik werden verschleiert und treten als Sendungsbewußtsein im Namen von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten auf. Die breite Öffentlichkeit bewies, wie lautlos und einfach Krieg und Machtpolitik praktiziert und gleichzeitig über Humanität und Menschenrechte diskutiert werden kann. Wenn es wirklich um die Menschen ginge, wäre die Praxis das Öffnen der Grenzen für alle Flüchtlinge. Stattdessen dienen die Geräusche der Herrschenden von 'Menschenrechten' dem Zweck, Deutschlands Kriegsfähigkeit wiederherzustellen und die ehemalige Friedensbewegung mit militarisierter Außenpolitik zu versöhnen - und hier in Heide ist die Ex-Friedensbewegung sogar bereit, Krieger zum Antikriegstag einzuladen.

Gruselig genug, daß sogenannte Friedensfreunde mit Militär den Antikriegstag begehen - es kommt noch schlimmer: In der symbolischen Route findet ein Täter/Opferausgleich mit dem Ergebnis der Geschichtsfälschung statt. "Ein Schweigemarsch am Antikriegtag, dem 1. September, führt uns vom Ehrenmal am Wasserturm zum Russenfriedhof und zum Gräberfeld der polnischen Zwangsarbeiter. Denn: Über den Gräbern aller Männer, Frauen und Kinder, die im Krieg und an seinen Folgen ihr Leben verloren, weht der gleiche Wind." (aus dem Aufruf) Deutsche Soldaten des NS werden zu Opfern umdefiniert und damit rehabilitiert. Schon der Ort der Auftaktkundgebung am Heider Wasserturm ist ein Ort der besonderen Art der Rehabilitation und der Geschichtsverdrehung. Am dortigen Ehrenmal steht zu lesen: "Die Opfer von Krieg, Vertreibung und Gewalt mahnen zum Frieden.", weiter sind dort ein soldatisch-sexualisierter 1.Weltkriegsfrontsoldat und die 'Masureneiche' zu sehen, sie wurde "aus der Heimat mitgebracht von Bürgermeister Dr. Wilkens und den Vertretern der Landsmannschaft Ost- u. Westpreußen gepflanzt am 19. September 1981" Die Idee: Alle haben gelitten, kein Anderer ist schuld als das "Monstrum Krieg". Als habe in Deutschland niemand dem "totalen Krieg" zugestimmt, es in der NSDAP keine Mitglieder und in der Wehrmacht keine begeisterten Freiwilligen gegeben, als habe Deutschland nicht einen Angriffskrieg begonnen, werden hier, in für die gemordeten Opfer beleidigender Weise, die Henker zusammen mit den Gehenkten betrauert.

Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Wir rufen dazu auf, die Konfrontation mit geschichtsfälschenden Positionen zu suchen und die eigenen Möglichkeiten des Protestes und des Widerstandes gegen die imperialistische Politik Deutschlands wahrzunehmen. Beteiligt Euch an der Kundgebung anläßlich des internationalen Antikriegstages an der Gedenkstätte in Gudendorf am 4. September um 14.00 mit dem Motto "Frieden fällt nicht vom Himmel - Bomben schon!" AntimilitaristInnen aus Schleswig-Holstein antimilitaristische Initiative c/o Infoladen Hansastr. 48 24118 Kiel Fax: 0431-56 37 17
Informationen zu weiteren antimilitaistischen Aktivitäten gegen die Kampagne ‚Frieden fällt nicht vom Himmel' findet ihr im Internet unter: www.gaarden.net/no_nato/
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